Nach über zwei Jahrzehnten als Euphorbia-Sammler ist mir aufgefallen, dass mein Hobby erstaunliche Parallelen zu anderen Bereichen hat – besonders zum strategischen Spielen. Beide erfordern dieselben Fähigkeiten: Geduld, Planung und die Akzeptanz, dass nicht alles kontrollierbar ist.
Die Kunst der Geduld
Eine meiner Euphorbia obesa brauchte acht Jahre, bis sie zum ersten Mal blühte. Acht Jahre! In unserer schnelllebigen Zeit ist das eine Ewigkeit.
Doch genau diese Geduld wird belohnt. Die Pflanze, die ich als fingernagelgroßen Sämling bekam, ist heute ein wunderschönes Exemplar mit eigenem Nachwuchs. Hätte ich sie nach zwei Jahren "langweiliger" Wachstumsphase aufgegeben, hätte ich diesen Moment nie erlebt.
Parallelen in anderen Bereichen
Diese Langzeit-Perspektive finde ich auch in anderen strategischen Aktivitäten:
- Schach: Die besten Züge sind oft nicht die offensichtlichsten
- Investitionen: Geduld schlägt kurzfristiges Denken
- Poker: Ein guter Spieler weiß, wann er warten muss
Strategisches Denken
Mein Gewächshaus ist nicht zufällig entstanden. Jede Pflanze hat ihren optimalen Platz:
- Sonnenhungrige Arten an der Südseite
- Empfindliche Sämlinge im geschützten Bereich
- Winterharte Arten näher am Eingang
Es ist wie ein Spielbrett, auf dem jede Figur ihren Platz hat. Verschiebe ich eine falsch, leidet das Gesamtbild.
Ressourcenmanagement
Auch das Ressourcenmanagement ähnelt sich:
- Wasser: Wann gieße ich welche Pflanze? Zu viel ist fatal.
- Platz: Begrenzt – ich muss priorisieren
- Zeit: Nicht jede Pflanze kann dieselbe Aufmerksamkeit bekommen
- Geld: Seltene Arten sind teuer – lohnt sich die Investition?
Risikobewertung
Jede Entscheidung in meiner Sammlung ist eine Risikobewertung:
- Kaufe ich diese seltene Art für 200€, obwohl ich weiß, dass sie schwierig ist?
- Versuche ich die Aussaat selbst oder kaufe ich lieber eine etablierte Pflanze?
- Stelle ich diese Pflanze um, obwohl sie am aktuellen Platz gut wächst?
Es sind keine lebensverändernden Entscheidungen, aber sie trainieren das analytische Denken.
Der Umgang mit Verlusten
In 20 Jahren habe ich viele Pflanzen verloren. Manche durch eigene Fehler, manche durch unglückliche Umstände. Ein harter Winter, ein unentdeckter Schädlingsbefall, ein Gießfehler während des Urlaubs.
Was ich gelernt habe: Verluste gehören dazu. Sie sind keine Niederlagen, sondern Lernchancen. Die erfolgreichsten Sammler sind nicht die, die nie verlieren – sondern die, die aus Verlusten lernen.
Diese Mentalität hilft überall
Ob beim Poker, an der Börse oder im Leben: Wer Verluste als Teil des Spiels akzeptiert, trifft bessere Entscheidungen. Panikverkäufe, vorschnelle Züge, emotionale Reaktionen – all das führt zu größeren Verlusten als der ursprüngliche Rückschlag.
Die Freude am Prozess
Letztendlich geht es nicht ums "Gewinnen". Meine Sammlung wird nie "fertig" sein. Es gibt immer neue Arten zu entdecken, neue Techniken zu lernen, neue Herausforderungen zu meistern.
Die Freude liegt im Prozess selbst:
- Das Beobachten einer langsam wachsenden Pflanze
- Das Tüfteln an optimalen Bedingungen
- Der Austausch mit anderen Sammlern
- Das Erfolgserlebnis, wenn etwas Schwieriges gelingt
Für Gleichgesinnte
Wenn Sie diese Beschreibung anspricht – das strategische Denken, die Geduld, den Nervenkitzel des Ungewissen – dann verstehen Sie wahrscheinlich, warum viele Pflanzensammler auch andere strategische Hobbys haben.
Ob Brettspiele, Kartenspiele oder andere Formen des Wettbewerbs: Der Reiz ist derselbe. Es ist das Spiel zwischen Kontrolle und Zufall, zwischen Wissen und Glück, zwischen Geduld und Aktion.
Fazit
Meine Euphorbien haben mir mehr beigebracht als nur Pflanzenpflege. Sie haben mich Geduld gelehrt, strategisches Denken geschärft und mir gezeigt, dass die besten Dinge im Leben Zeit brauchen.
Vielleicht ist das die wichtigste Lektion: Ob wir Pflanzen sammeln, Schach spielen oder andere Strategien verfolgen – der Weg ist das Ziel.
Besuchen Sie unsere Galerie für Eindrücke aus meinem Gewächshaus.